>

Mouches volantes als Inspirationsquelle für Carlos Castaneda? - 2. Teil


DAS BEWUSSTSEIN SEHEN

Geschrieben von Floco Tausin am 04. Februar 2006 11:54:47:

Teil 2: Begleitende Aspekte beim Sehen der Mouches volantes

Im zweiten Teil des Artikels gehe ich auf Begleitumstände des Sehens ein, konkret auf die Sehtechniken, sowie die Konzepte des rechtsseitigen und linksseitigen Bewusstseins, des Zoom-Effekts und des Willens. Diese begleitenden Aspekte haben Entsprechungen in Nestors Lehre, welche für das Sehen zentral sind.


1) Techniken des Sehens

Konkrete Techniken des Sehens finden wir nur vereinzelt. Dass aber die menschlichen Augen an beiden Funktionen beteiligt sind, sowohl am gewöhnlichen „Schauen“ wie auch am wesenhaften „Sehen“, bestätigt DJ im zweiten Buch. Für Nestor dagegen spielen die Augen nur eine bedingte Rolle beim Sehen; Sehen ist für ihn eine Funktion des „inneren Sinnes“, welchen er als eine Zusammenfassung aller physiologischen Sinne versteht.

Im fünften Buch, wo die Kunst des „Gaffens“ beschrieben wird, wird CC angewiesen, durch die Wimpern seiner halbgeschlossenen Augen ein Netz von Lichtfasern zu sehen. Dieses Sehen durch die Wimpern ist für unseren Vergleich von Bedeutung: Denn in den unscharf wahrnehmbaren Wimpern, auf die Sonnenstrahlen treffen, können wir nachprüfbar ein ganzes Meer von bewegenden Kugeln und Fäden sehen – die Leuchtstruktur des Bewusstseins. Für Nestor ist diese Übung ein äusseres Hilfsmittel: Das durch die Wimpern gestreute Licht intensiviert die Mouches volantes und zeigt ihre alles durchdringende Präsenz. Dafür sagt das Sehen dieses Leuchtkugelmeeres nicht viel über unseren Fortschritt in der Bewusstseinsentwicklung aus, denn wir können nur bei offenen Augen feststellen, welche Punkte und Fäden wir bereits so stark beleuchten, dass wir sie auch ohne zusätzliches Licht sehen.

Das Gaffen wird bei CC auf alles Mögliche angewandt: Auf Blätter, Steine, bewegte und unbewegte Lebewesen, Wolken, Regen, Feuer etc. Unklar ist, ob hier jedes Mal ein Netz aus Lichtfasern gesehen werden sollte oder nicht. Die Rede ist stattdessen von Farbwahrnehmungen, die dabei entstünden, und die für die entsprechenden Gegenstände oder Lebewesen charakteristisch und aussagekräftig seien. Solche Farbwahrnehmungen lassen sich als komplementärfarbene Nachbilder interpretieren, die bei längerer Konzentration auf Objekte entstehen – eine Übung, die laut Nestor eine Vorstufe zum Sehen der Mouches volantes ist.

CC beschreibt in diesem Zusammenhang auch die zwei Arten des Sehens: Der nicht-fixierte Blick bei weit offenen Augen, wo das Bewusstsein förmlich mit Sinneseindrücken überflutet wird; und der fixierte Blick, das konzentrierte Anschauen („Gaffen“) eines Gegenstandes. CC lernt beides, während Nestor der Ansicht ist, dass wir uns v.a. in der Konzentration auf einen Gegenstand bzw. auf die Mouches volantes und damit das Festhalten der Punkte üben sollten.

Weiterhin scheint das Sehen bei CC weniger vom Licht abhängig zu sein als das Sehen der Mouches volantes. Während jene am besten bei Tageslicht gegen den Himmel oder eine helle Fläche gesehen werden, geschieht das Sehen bei CC zu allen Tageszeiten, also auch in der Dunkelheit; und bei Tageslicht muss CC häufig auf dunkle Stellen, auf Löcher, Einbuchtungen und Schatten schauen (v.a. in Buch drei, vier und fünf).

Teilweise geschieht dieses Schauen auf Schatten bei CC in Kombination mit einem Schielen, wo man die zwei Bilder auseinander schiebt und dadurch zwei gleichgeformte Gegenstände übereinander lagert, um eine Tiefenwahrnehmung zu erwirken. Dieser Vorgang, den Nestor „Doppeln“ nennt, ist in diesem Zusammenhang sehr bedeutend, denn er kann zur vermehrten Wahrnehmung der Mouches volantes führen, da man die Punkte und Fäden während des starken Doppelns konzentrierter, d.h. heller und leuchtender sieht. Zudem hilft diese Übung, die Punkte und Fäden besser festzuhalten.


2) Rechte und linke Seite des Bewusstseins – Tonal und Nagual

Die Einteilung des Bildes in eine rechte und linke Seite des Bewusstseins wird in der Lehre Nestors auf das Sehen zurückgeführt; konkret können wir sehen, dass wir Punkte und Fäden in der linken wie in der rechten Sehhälfte haben. Damit verbunden ist der Weg in der Leuchtstruktur, den wir durch Bewusstseinsentwicklung zurücklegen; er führt von einer Vielzahl von kleineren Kugeln und Fäden zu einigen wenigen grossen Kugeln in der linken Hälfte. Daher verbindet Nestor die linke Hälfte mit dem ursprünglichen Bewusstsein, welches uns ermöglicht, die Grenzen der Unterscheidungen zu durchbrechen und die Welt einheitlicher und gleichwertiger zu sehen; während die rechte Bewusstseinshälfte die Seite der Vernunft ist, welche spaltet, abgrenzt, einteilt – sehbar an den vielen kleinen „Einheiten“, den Kugeln und Fäden. Rechte und linke Seite haben wir auch in der Lehre von DJ, wo die Assoziationen dieselben sind: linke Seite der Bewusstheit ist das „Nagual“, ein unvorstellbares Bewusstsein bar jeglicher Rationalität und Gedanken; rechts dagegen herrscht das Tonal, unser Alltagsbewusstsein. Allerdings wird hier die linke und rechte Bewusstseinsseite nicht wie bei den Mouches volantes beim Sehen unterschieden, sondern das Sehen wird bei CC als Resultat linksseitiger Bewusstheit aufgefasst.


3) Der Zoom-Effekt und die Schichten

Nestor spricht davon, dass in sehr intensiven Bewusstseinszuständen das Bild plötzlich näher rücken kann, d.h. dass das betrachtete Objekt auf einen Schlag näher kommt und grösser wird. Gleichzeitig passiere dasselbe mit den Leuchtkugeln und –fäden, was laut Nestor zeigt, dass die materielle Realität und die Bewusstseinsstruktur untrennbar verbunden sind. (Nestor spricht in diesem Zusammenhang von „Leinwand“ und suggeriert damit, dass die äussere Erfahrungswelt eine Projektion unserer Bewusstseinsinhalte ist – womit eine Unterscheidung zwischen Aussen und Innen irrelevant wird.)

Diesen „Zoom-Effekt“ treffen wir auch bei CC an. Die Stellen sind allerdings selten, und CC macht dabei keinen Bezug zu visuellen geometrischen Figuren. Am klarsten formuliert wird der Zoom-Effekt im fünften Buch: Hier rückt ein als dunkler Fleck wahrgenommenes Loch in einer Felswand plötzlich näher, als sich CC unter Anleitung von La Gorda im „Gaffen“ übt. Dabei wird dieser Fleck heller, und CC hat den Eindruck, sich ihm zu nähern, ohne sich zu bewegen. Wir erfahren, dass dieses „Drauflos-Zoomen“ (wörtl. im fünften Buch) die visuelle Entsprechung des „Anhaltens des inneren Dialogs“ sei. Dies stimmt wiederum mit Nestors Vorstellung überein, dass diese visuelle Erfahrung nur in Zuständen grösster Entspannung eintritt, welche auch nicht durch Gedanken getrübt sind.

Die Verbindung von Zoom-Effekt und den dabei zu durchdringenden Bewusstseinsschichten, wie Nestor sie nahelegt, treffen wir bei CC nicht explizit an. Es gibt allerdings die Vorstellung von Schichten, die man durchdringen könne: Beispielsweise erklärt Genaro im zweiten Buch von zehn Schichten, die unter lautem Knallen durchdrungen werden, um in eine andere Welt zu gelangen; oder im fünften Buch werden die Fasern des leuchtenden Kokons als Schichten beschrieben, durch die das Nagual hinaus-, der Tod dagegen hineindrängen will um sie auseinander zu schieben.


4) Wille als Ekstase?

Wenn dieser Zoom-Effekt bei CC durch das Anhalten von Gedanken (bzw. „innerer Dialog“) zustande kommt, erklärt Nestor zusätzlich ein körperliches Gefühl, das man dabei erlebt: nämlich ein entspannendes Gefühl des Prickelns am Körper, welches in intensiveren Bewusstseinszuständen zu einer lang andauernden Ganzkörperekstase werden kann. Dieses Gefühl sei Energie, die direkt ins Bild als ein Ganzes gegeben wird. Bei CC finden wir keinen Bezug auf den Begriff der „Ekstase“, mit einer Ausnahme: Im ersten Buch ist das Hervorbringen von Ekstase eine der Eigenschaften desjenigen Verbündeten, der in psilocybe mexicana enthalten ist (im Gegensatz zu Verbündeten, die in anderen halluzinogenen Pflanzen enthalten sind). Was jedoch diese Ekstase genau ist, erfahren wir nicht.

Es gibt in den Lehren des Don Juan jedoch ein Konzept, welches Nestors Ekstase nahekommt: der „Wille“. Im zweiten Buch erfahren wir, dass der Wille eine Energie sei, die von innen nach aussen geht, bzw. aus dem Körper des Sehers hervorschiesst oder ausbricht, nachdem die unsichtbare Spalte in der Nabelregion offen genug ist. Der Wille sei das Bindeglied zwischen Mensch und Welt, und er lasse uns die Welt erkennen, sei aber gleichwohl verschieden vom „Sehen“. Der Wille sei auch unabhängig von Gedanken und Wünschen, und man könne direkt fühlen, wie er aus dem Leib kommt. Dies stimmt weitgehend mit Nestors Ekstase überein, mit Ausnahme der Tatsache, dass DJ das Fühlen des Willens auf eine Stelle in der Nabelgegend, bzw. bei Frauen auf den Uterus beschränkt.

Problematischer sind solche Aussagen, wo der Wille nicht eine unpersönlich und „blinde“ Kraft ist (wie der Wille im siebten Buch erklärt wird), sondern angeblich zur gezielten Manipulation von Gegenständen und zur Fortbewegung in Träumen eingesetzt werden kann. Hier wird die Bedeutung des Willens zugunsten der „Absicht“ zurückgestuft, verstanden als zielorientiertes Einsetzen des Willens: Das „Fortbewegen in Träumen“ könnte noch als Zoom-Effekt während intensiveren Bewusstseinszuständen interpretiert werden, doch das gezielte und erfolgreiche Einwirken auf Menschen und Gegenstände mit bestimmten Absichten hingegen widerspricht Nestors Konzept einer unpersönlichen und unabsichtlichen Ekstase.



Antworten:

Dies ist das Archiv von dem alten Forum "Bewusstsein sehen".
Weitere Antworten sind nicht moeglich, aber der Text kann zur weiteren Diskussion ins neue Forum kopiert werden!




DAS BEWUSSTSEIN SEHEN