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Re: Das Verhältnis von Geist und Materie


DAS BEWUSSTSEIN SEHEN

Geschrieben von floco.tausin (at) mouches-volantes.com am 16. November 2004 14:08:27:

Als Antwort auf: Das Verhältnis von Geist und Materie geschrieben von Hans-Josef am 16. November 2004 09:38:02:

Guten Tag Herr Schmitt

in Ihrem Schreiben sprechen Sie den alten Gegensatz zwischen den philosophischen Positionen des Idealismus (Bewusstsein/Geist ist die Ursache der Materie) und Materialismus (geistige Vorgänge/Bewusstsein lässt sich auf materielle bzw. physiologische Vorgänge zurückführen) an. Sie bringen beiden Positionen ein gewisses Misstrauen entgegen, weil, wenn ich Sie richtig verstanden habe, beide zunächst apriorisch sind, d.h. auf Überlegung beruhen ohne direkt erfahrbar oder nachweisbar zu sein.
Tatsächlich ist dies ein Problem: Auf materieller Basis nach Bewusstsein zu forschen öffnet, wie Sie es nennen, einen „psychophysischen Graben“: Wie können wir von physiologischen Vorgängen auf menschliches Bewusstsein schliessen? Umgekehrt bleibt uns auch die idealistische Betrachtung, alles Materielle entstamme einem Geist/Gott/Bewusstsein, einen rational nachvollziehbaren Beweis schuldig.

Hier kommt der Seher Nestor ins Spiel. Philosophisch könnten wir ihn als radikalen Idealisten bezeichnen, auch wenn er selbst nicht viel von Philosophie hält. Er behauptet, Bewusstsein sei die Ursache unseres Daseins, und unserer alltägliche Erfahrungswelt (materielle Gegenstände, Gefühle, Gedanken, erfahrbar durch unsere Sinne). Er behauptet dies nicht aufgrund von philosophischer Spekulation, sondern aufgrund seiner wiederholten, nicht an die physischen Sinnesorgane gebundene Wahrnehmungen, die er als Sehen bezeichnet.
Doch es ist nicht nur die Behauptung, Bewusstsein als Ursache der materiellen Welt zu sehen, die wir von Nestor haben; er zeigt uns überdies einen Weg auf, um dies an uns selbst nachzuvollziehen – mit anderen Worten: wir müssen selbst sehen lernen, dass es sich so verhält, wie er sagt. Damit wir diesen Weg aber überhaupt einschlagen, braucht es zunächst ein gewisses Vertrauen darauf, dass das Sehen des Sehers Nestor keine reine Erfindung ist. Nur so werden wir uns dem Beweis selbst erbringen können.

Sie aber, Herr Schmitt, schlagen eine andere Lösung vor, nämlich dass wir „vorerst akzeptieren, dass das Phänomen Wirklichkeit (...) ein tiefes Geheimnis darstellt.“
Warum schreiben Sie „vorerst“? Bedeutet dies, dass Sie eine vollständige Entschlüsselung der Beziehung zwischen Bewusstsein und materieller Wirklichkeit nicht gänzlich ausschliessen? Wenn ja, so lautet die zentrale Frage: von wem oder was erhoffen Sie sich diese Klärung? Von der Neurophysiologie? Von der Philosophie? Von den Religionen? Oder von sich selbst?
Der Seher Nestor vertritt die Ansicht, dass die Arbeit, das Verhältnis unseres Bewusstseins zu unserer (alltäglichen) Umwelt zu erhellen, uns selbst obliegt. Es ist eine langwierige und anstrengende, aber auch eine spannende, faszinierende und lohnende Arbeit, die durch all jene Religionen und Philosophien gestützt werden kann, welche den Menschen als zur höchsten Erkenntnis befähigtes Subjekt in den Mittelpunkt stellen (z.B. Buddhismus, Yoga, Advaita-Vedanta u.a.). Nestor zufolge ist die Auseinandersetzung mit philosophischen und religiösen Systemen aber ambivalent: Wenn es gute Systeme sind, dann können sie uns zu neuen Einsichtung bringen und uns helfen, den Prozess unserer Bewusstseinsentwicklung verstandesmässig zu begreifen. Anderseits müssen diese Systeme beiseite gelegt werden können, um zu den für uns relevanten Erkenntnissen zu gelangen, die jeweils im Moment stattfinden (und nicht im Rückgriff auf eine Vergangenheit, so wie etwa die Wissenschaft Wissen schafft).
Damit wären wir bei Ihrem empirischen Ansatz: „Sollten wir nicht eher von den Phänomenen der Wahrnehmung selbst ausgehen und sie für die ursprüngliche Lebenstatsächlichkeit nehmen?“ Auf welche „Phänomene der Wahrnehmung“ beziehen Sie sich? Auf materielle Gegenstände, Gefühle und Gedanken unserer Alltagswirklichkeit? Auf Traumerlebnisse? Auf halluzinatorische Erlebnisse, hervorgerufen durch körperliche oder psychische Beeinträchtigungen? Und selbst wenn Sie, wie ich vermute, das „normale“ Spektrum alltäglicher Wahrnehmung meinen, so haben Sie bestimmt selbst festgestellt, dass ihre alltägliche Welt heute anders aussieht als vor zehn Jahren. Und als Kleinkind haben Sie die Gegenstände, die Ihnen heute ganz selbstverständlich und vertraut sind, nicht als solche erkennen können.
Was ich damit sagen will: Unsere Wahrnehmung ist nicht etwas Statisches, sondern im höchsten Masse dynamisch. Es verändert sich nicht nur in der Auseinandersetzung mit unserer Umwelt, sondern auch in der Auseinandersetzung mit uns selbst. Der Seher Nestor geht tatsächlich von den „Phänomenen der Wahrnehmung“ aus – was wahrgenommen werden kann, ist unbestreitbar wahr. Doch gleichzeitig dürfen wir nicht unsere Fähigkeit vergessen, unsere Wahrnehmung und unser Bewusstsein weiterzuentwickeln. Auf diese Weise verändern sich auch die Phänomene der Wahrnehmung, was Nestor zufolge im Sehen mündet. Was gesehen werden kann, beschreibt Nestor als eine selbstleuchtende Struktur, durch welche wir das Bewusstseinslicht so arrangieren und verdichten, dass wir es als sinnvolle Einheiten erkennen können – wie die uns aus dem Alltag vertrauten materiellen Gegenstände, Gefühle, Gedanken etc.

Zu ihrer zweiten Frage (wie denkt der Seher über sein Lebensschicksal?) kann ich im Sinne Nestors Antworten: Wenn ein Seher über die Welt und sich selbst nachdenkt, dann unterscheidet er sich nicht von anderen Menschen. Er tut dies, um intellektuelle Einsichten zu erlangen und sein Handeln auf die Umstände abzustimmen. Der Unterschied liegt darin, dass wir Menschen üblicherweise dazu neigen, unsere Gedanken und intellektuellen Einsichten zu wichtig zu nehmen, während sie für den Seher letztlich nicht relevant sind: Er schöpft sein Wissen über die Welt und über das Sein nicht durch Nachdenken, sondern durch sein Sehen.

Ich hoffe, Ihnen mit diesen Ausführungen den Standpunkt des Sehers Nestor weiter erhellt zu haben. Bei dieser Gelegenheit möchte ich Sie auf mein Buch (Mouches Volantes. Die Leuchtstruktur des Bewusstseins, erhältlich im Dezember im Buchhandel oder auf meinen Websites) hinweisen, welches die Lehre des Sehers Nestor ausführlich als Erfahrungsbericht in Form einer mystischen Geschichte vorstellt.

Floco Tausin



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